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Die Villa "Haselburg"
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Die Geschichte der "Haselburg"

1. Die Entdeckung und erste Ausgrabungen - ein römisches Kastell?

Nachdem die Anlage von den römischen Bewohnern verlassen und verfallen war, geriet auch schnell ihre Bedeutung in Vergessenheit. Es ist nicht zu sagen, wie lange der Name „Haselburg“ schon gebräuchlich ist. Vereinzelt trifft man noch auf eine ältere Schreibweise „Hasselburg“, die sich zum Beispiel in älteren Katasterplänen erhalten hat. Schriftliche Aufzeichnungen über die Anlage wurden erst wieder mit dem Interesse des Grafen Franz_I. zu Erbach-Erbach (1754-1823) gemacht, der seinen gräflichen Regierungsrat J.F. Knapp mit der Untersuchung des „Kastells“ beauftragte.
Zwar sind Knapps archäologische Befunde aufgrund völlig falscher Vorraussetzungen (er vermutete, ein Kastell entdeckt zu haben) zu vernachlässigen, seine Beschreibung der Anlage vermittelt aber einen guten Zustandsbericht der Anlage zu Beginn des 19. Jahrhunderts.
"Das zweite Kastell an dem Mümlingthal ist keinem Zweifel ausgesetzt. Es liegt zwischen Hummetrodt und Ober-Kinzig auf einer Höhe, wo man den Breuberg und den angrenzenden Theil des Mümlingthales übersieht. Von allen hier beschriebenen Kastellen im Odenwalde ist es das grösste, denn seine Länge von Süden nach Norden beträgt 285, und die Breite 252 Schritte. Der Wall ist jetzt noch 3 bis 4 Schuh hoch, und an drei Flanken ganz mit Haselstauden bewachsen, weshalb die Bauern das Kastell die Hasselburg nennen.“

Die beschriebene Höhe der Mauerruine ist insofern bemerkenswert, dass diese bis in heutige Zeit „verschwunden“ ist, ein Hinweis auf die zerstörerische Kraft der maschinellen Landwirtschaft. Der damals im Großherzogtum Hessen-Darmstadt übliche Fuß bzw. Schuh lag bei 25 cm, der preußische Fuß betrug 31,385 cm, der bayrische 29 cm. Wir können also davon ausgehen, dass Knapp die Hofmauer noch als mindestens 0,75 cm hohen Schuttwall vorfand. Gut möglich, dass dieser talwärts, also an der südlichen Mauer damals schon nicht mehr zu erkennen war.
Dem aufmerksamen Leser fällt die sehr einfache Art der Untersuchung ins Auge. Tatsächlich besitzt die Haselburg eine annähernd quadratische Hoffläche von 183,5 x 185,5 m. Der Unterschied zu Knapps Größenangabe erklärt sich schlicht dadurch, dass er die Anlage von Süden nach Norden „abschritt“ und deshalb wohl bergauf einige Schritte mehr benötigte. Die von Knapp angesprochene Variante „Hasselburg“ dürfte auf Odenwälder Mundart zurückgehen.
"An der nördlichen Seite durchschneidet gegenwärtig die Landstrasse den Wall zweimal, und man sieht an den Einschnitten, dass wenigstens sein Fundament von rohen Bruchsteinen aufgemauert, und ohngefähr 12 Schuh breit war. Die Ecken des Kastells waren nicht abgerundet, es hatte auch keinen Graben, und die Stelle der Thore konnte ich ebenfalls nicht auffinden, weil der Wall zu sehr verwachsen und zerstört ist. In dem Innern, und zwar an der Nordseite, liegen die Ruinen zweier römischer Bäder und noch zwei andere Erhöhungen der Erde lassen vermuthen, es möchten noch mehrere Gebäude darin gestanden haben.
Während über die Identität der zwei Bäder kaum Zweifel bestehen dürften, kann man über die zwei weiteren Erhöhungen nur mutmaßen: Eine davon dürfte mit ziemlicher Sicherheit eine Hangkante an der westlichen Hofmauer betreffen, die auch H. Gieß wenige Jahrzehnte später als Gebäude beschrieb. Die zweite bezieht sich entweder auf das kleine Gebäude in der Südwestecke, den sogenannten „Wirtschaftstrakt“ mit Keller östlich des Hauptgebäudes oder weitere, nicht mehr zu identifizierende Gebäudereste.
"In dem grossen Kastelle zwischen Ober-Kinzig und Hummetrod liegen endlich noch zwei Bäder. Das Merkwürdige an ihnen ist, dass sie innerhalb des Walles nahe beisammen liegen. Sie waren vielleicht auch auf eine jetzt nicht mehr zu bemerkende Art mit einander verbunden, und machten nur ein Gebäude aus. Der Mangel an Sandsteinen in jener Gegend hat die Bauern verleitet, fast alle Grundmauern auszubrechen, wesshalb man auch davon keinen Grundriss mehr machen konnte, und bei der Untersuchung, mit der Gewissheit, dass es Bäder waren, sich begnügen musste.“
Kein Zweifel: Hier spricht Knapp von dem Hauptgebäude. Die Verirrung zu den zwei Bädern rührt wahrscheinlich von den zwei Hypokaustanlagen im Bad und im Herrenhaus. Die Lagebeschreibung passt sehr genau auf den peristylartigen Anbau zwischen beiden Gebäuden.
"Ausser einem Pfeile fand sich in dem Schutte nichts, das eine besondere Erwähnung verdiente. So viel konnte man noch bemerken, dass von vier Zimmern, jedes einen Fuss tiefer lag, als das andere; vielleicht um das Wasser aus einer nahe dabei befindlichen Quelle desto leichter von einem Gemach in das andere leiten zu können.“
Diese sehr zutreffende Beobachtung zeigt, dass Knapp viele römische Anlagen aus eigener Grabungstätigkeit kannte (so z.B. viele Kastellbäder des Odenwaldlimes). Die Ausgrabungen des Hauptgebäudes seit 1979 erbrachten einen Wasserkanal, welcher präzise dieser Anordnung folgte.
1839 fand man in der Hypokaustanlage des Hauptgebäudes die Ritzinschrift auf einem Deckziegel. Knapp veröffentlichte diesen Fund 1841. Er befindet sich heute im Hessischen Landesmuseum Darmstadt.



Abb. 1.: Flurkarte mit dem Parzellenbròuillon der Gemarkung Hummetroth von 1856/57, bearbeitet durch den Geometer I.Klasse Dieter (Gemeindearchiv Höchst i. Odw.)

2. Ältere Forschungen und die Widerlegung der Kastelltheorie durch H. Gieß

Nach ihrer Entdeckung und Knapps Untersuchung fand die Haselburg schnell Eingang in die aufkommende Starkenburger Heimat- und Geschichtsforschung. In folgenden Publikationen wurde sie erwähnt:
1829 „Statistische-topographische-historische Beschreibung des Großherzogtums Hessen, Bd. I. Provinz Starkenburg“ von G.W.J. Wagner
1854 „Das Großherzogtum Hessen nach Geschichte, Land, Volk, Staat und Örtlichkeit“ von Ph.A.F. Walther
1862 „Die Wüstungen im Großherzogtum Hessen, Provinz Starkenburg“ von G.W.J. Wagner
1869 „Die Altertümer der heidnischen Vorzeit innerhalb des Großherzogtums Hessen, nach Ursprung, Gattung und Örtlichkeit“ von Ph.A.F. Walter.
1870 „Über die Spuren römischer Niederlassungen in der Provinz Starkenburg, ihre Bedeutung und ihren Zusammenhang“ von W. Franck.

Der letztgenannten Veröffentlichung entnehmen wir erstmals die Feststellung, es könne sich nicht um ein Kastell handeln, da die Haselburg „weder Spuren eines Grabens, noch die abgestumpften Castellecken erkennen läßt, dagegen aber im Innern Heizungsanstallten besitzt.“

Wirklich neue Erkenntnisse aus der Bodenforschung sind diesen Publikationen kaum zu entnehmen. Erst 1880, 1882, und 1886 führte der Bezirksfeldwebel Heinrich Gieß im Auftrag des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine Grabungen im Haselburggelände und an den Umfassungsmauern durch. Über die Ergebnisse seiner Untersuchungen berichtete er in den "Quartalsblättern des Historischen Vereins für das Großherzogtum Hessen" 1880 und 1882; über die Grabungen 1882 und 1886 gibt es handschriftliche Berichte von Gieß. Er sprach in dem Bericht von 1882 noch vom Castell, im Bericht von 1886 vom Kastell in Anführungszeichen. Konsequenterweise setzte Gieß dieses allmähliche Abkommen von der Kastelltheorie fort: In seinem 1893 (nach Ende der Grabungen) erschienen Werk "Schloss Breuberg im Odenwald und die germanischen und römischen Denkmäler in seiner Umgebung" begann Gieß die Beschreibung der Haselburg folgendermaßen: "Die Haselburg [...] ist die grösste der bürgerlichen Niederlassungen, die man bis jetzt im Odenwalde kennt. Sie ist schon über ein halbes Jahrhundert beliebtes Objekt der Forscher und wurde bis zum Jahr 1886 für ein grosses Kastell angesehen."

Gieß wusste, wovon er sprach. Seine Grabungen galten in erster Linie der Umfassungsmauer und einigen daran anschließenden Befunden, so u.a. das Nebengebäude im SW-Eck des Hofes. Darüber, dass seine eigenen Grabungen letztlich die Kastelltheorie widerlegt haben, schweigt er höflich.


Abb. 2.: Zwei Seiten des Originalgrabungsberichts von 1886.

Nach Heinrich Gieß endete die Erforschung der Haselburg mittels planmäßiger Grabungen für fast 100 Jahre. Obwohl in der folgenden Zeit viele bekannte Archäologen wie Friedrich Kofler, Eduard Anthes, Fritz Behn und der Heimatorscher Friedrich Mössinger die Anlage erwähnten, beschränkten sie sich meist darauf, den Forschungsstand nach den Grabungen von H. Gieß wiederzugeben. Zweimal (1967 und 1973) erscheint die Haselburg in den "Fundberichten aus Hessen", einmal anläßlich eines Amphorenfundes, zum zweiten, als anläßlich eines Gasleitungsbaus die Anlage teilweise geschnitten wird.


3. Die neueren Ausgrabungen und die Entstehung des Freilichtmuseums

Seit 1886 hatten die Veröffentlichungen keine weiteren Erkenntnisse gebracht außer mehreren Hinweisen auf die Notwendigkeit, systematische Grabungen durchzuführen, besonders keine Erkenntnisse über die genaue Lage der schon aufgedeckt gewesenen und wieder zugeschütteten Räume. So war es möglich, daß das als solches unbekannte Herrenhaus der Villa nur durch Zufall, nämlich beim Bau der Ferngasleitung MEGAL I 1979 zu Tage kam, als der Boden für den großen Graben abgeschoben wurde und sich die Grundmauern des Gebäudes zeigten.
 
Der damalige Leiter der Außenstelle Darmstadt des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen, Dr. Reinhard Andrae, erreichte, dass der Graben nicht gebaut wurde, sondern ein Schutzrohr zur Aufnahme der Gasleitungen unter dem Gebäude hindurchgepreßt wurde. Es ist das Verdienst Dr. Andraes, daß die Substanz des Herrenhauses ganz erhalten blieb und damit auch die Rechtfertigung für das Freilegen und Präsentieren der gesamten Anlage. Unter seiner Leitung wurden in den Jahren bis 1984 das Wohngebäude, das Bad, das Peristyl, der angrenzende Hofbereich mit einem Keller und ein Stück der Umfassungsmauer ausgegraben und so weit wie nötig aufgemauert.
 1985 und 1986 legte das Landesamt für Denkmalpflege in einer großen Flächengrabung einen breiten Streifen um die Anlage herum frei, weil eine zweite Ferngasleitung MEGAL II durch das Gelände führen sollte. Dabei wurden Grundmauern der Umfassungsmauer, ihrer Westecke, eines Tores, eines Anbaus an die Mauer und vor allem eines Heiligtums mit dem Fundament für die Jupitergigantensäule ausgegraben. 1993 deckte das Landesamt die drei restlichen Ecken der Umfassungsmauer auf, die wie die vorgenannten Mauerabschnitte durch Aufmauerung sichtbar gemacht werden.


Abb. 3.: Die Haselburg während der Ausgrabungen 1985. Oben die bereits restaurierten Grundmauern des Hauptgebäudes, des Bade- und Wirtschaftstrakts sowie ein Teil der Umfassungsmauer. In der Grabungsfläche befinden sich die Fundamente des Jupiterheiligtums, im Kreuzschnitt links davon die Fundstelle der Säulentrommel. Luftaufnahme von Nordwesten, Foto O. Braasch. Aus F.-R. Herrmann, Die villa rustica „Haselburg“ bei Hummetroth. Archäologische Denkmäler in Hessen 55² (Wiesbaden 2001).

Ende 1983 wurde der "Verein zur Förderung des Freilichtmuseums "Römische Villa Haselburg" e.V. (Haselburgverein e.V.)" gegründet, der sich für die Erforschung, Erhaltung und Erweiterung der Anlage einsetzt, die Villa der Öffentlichkeit bekannt macht und über sie informiert. Er bemüht sich, Antworten auf die Fragen zu finden, die diese Anlage stellt, über die es keine literarischen Zeugnisse aus ihrer frühen Geschichte gibt.Das Haselburggelände steht inzwischen unter Denkmalschutz; damit sind unerwünschte Eingriffe in die Substanz des Bodendenkmals nicht mehr möglich. Das Gelände wurde von der Gemeinde Höchst erworben, die dafür und für den Ausbau der Anlage erhebliche Mittel aufgewendet hat und noch aufwendet. Finanzielle Unterstützung gewährt auch der Odenwaldkreis über die Limesarbeitsgemeinschaft im Förderverein Museumsstraße Bergstraße-Odenwald. Die Aufwendungen des Haselburgvereins für Erhaltung und Pflege der Anlage werden aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden der vielen Besucher gedeckt.

Text: R. Fischer und M. Müller
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